Was Apfel kann, was Birne können soll – Briefe an mein zweites Kind [2/X]

Mein liebes vernachlässigtes zweites Kind,

seit ich dir das letzte Mal geschrieben habe, sind nur wenige Wochen vergangen. Und dennoch habe ich bereits seit einigen Tagen erneut ein dringliches Bedürfnis, nach der digitalen Feder zu greifen und ein paar Worte an dich zu richten. Es gibt da nämlich diese eine Sache, die mir in letzter Zeit immer mehr ins Auge fällt. Oder, sagen wir eher, mir mehrfach täglich in die Visage klatscht.

Aus meinem letzten Brief weißt du ja bereits, dass du, als mein ZWEITES Kind, schon seit deiner Empfängnis deutlich weniger Aufmerksamkeit bekommst, als derjenige, der als erster da war. Daran müsstest du dich also inzwischen gewöhnt haben. Daran lässt es sich nun mal nicht rütteln. So ist das eben mit dem Recht des Erstgeborenen. Punkt.

Doch was ich dir heute verrate, geht über die ungerecht verteilte Aufmerksamkeit hinaus. Es ist nämlich so: Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass du keine eigenen Sachen besitzt, weil alles ja schon da war, öfter Mal dein Mittagsschläfchen nebenbei „erledigen“ musst, weil dein Brüderlein einen Ausflug unternehmen möchte, kein Buch bis zum Ende angucken kannst, ohne, dass du beziehungsweise wir unterbrochen werden, oder du überhaupt in allen Sachen irgendwie so nebenbei läufst, wirst du bei all dem, was du so tust, auch noch PERMANENT verglichen. Und mit „permanent“ meine ich wirklich PER-MA-NENT!

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„Ach, der sagst aber noch nicht besonders viel, was?! Als Kind-Nummer-Eins in seinem Alter war, hat er ja schon richtig viel erzählt!“, äußert sich die Freundin, die eben auch schon deinen Bruder als Baby/Kleinkind kannte. „Oh, läuft er noch nicht? Ist Kind-Nummer-Eins nicht schon gelaufen, als es zu uns kam?“, fragt die Erzieherin, die eben auch deinen Bruder mit einem Jahr in der Kita begrüßte. Und auch die Oma kann sich ihre Kommentare nicht verkneifen: „Ohh, du guckst ja gar nicht so gerne Bücher. Schade. Also Kind-Nummer-Eins hat ja immer schon total gerne Bücher geguckt!“

Manchmal sind das nicht einmal mehr Vergleiche, sondern schon regelrechte Erwartungen, die da an ein nicht einmal eineinhalbjähriges Kind gestellt werden: „Wirst du auch mal so schlau sein, wie dein Bruder, wenn du groß bist?“ Oder – und das sind meine absoluten Favoriten – so eine Art Vergleiche, bei denen derjenige, der „schlechter“ abschneidet, auch noch stolz auf seinen vermeintlichen Konkurrenten sein soll: „Na, ist das nicht toll so einen tollen/schlauen/überaus talentierten/großen Bruder zu haben?“, fragen sie, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, was diese eine „nette“ Frage in einem Kind so anrichten kann.

„Jepp, Omi, das ist es!“, würde ich am liebsten an deiner statt sagen. „Was denkst du denn, wie überaus toll ich das finde, dass mich ALLE die ganze Zeit blöd von der Seite anquatschen und mir immer wieder irgendwas Fantastisches von meinem Bro erzählen? Es ist schon klar, der Typ ist ein absoluter Überflieger. Schließlich ist er der schlauste Kerl, den ich kenne. Doch sind meine Leistungen deswegen irgendwie geringer? Ist das wirklich so wichtig, wer von uns als Erster sein Köpfchen gehoben, die Zähnchen bekommen, gerobbt, gelaufen oder das erste „Katzenfutter“ ausgesprochen hat? Was genau, wollt ihr denn von diesen Vergleichen ableiten? Wer von uns beiden nach Harvard und wer in die Handwerkslehre nach Buxtehude soll?“

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Das Schlimmste an der ganzen Nummer ist aber, dass ich als deine Mutter das alles zwar kaum mitansehen kann, ohne entweder Wut auf die anderen oder Mitleid mit dir zu bekommen, und dennoch regelmäßig selbst in dieses riesige Fettnäpfchen tapse. „Wie war das denn nochmal, als Kind-Nummer-Eins so alt war? Lass mal schnell in der Dropbox nachgucken. Stimmt, da konnte er schon laufen! Und das erste Wort? Ach ja, das war ja schon vor dem ersten Geburtstag! Ach, was ist dieses Kind doch schlau!“*

*Stolzes Lächeln/ sehr stolzes Lächeln

Es ist so unfassbar unschön. Obwohl wir als Eltern es besser wissen müssten, können auch wir uns einfach nicht davon freimachen und vergleichen immer wieder und immer weiter. Tja … auch wir scheinen nur Menschen zu sein. Doch lass es dir von jemandem gesagt sein, der selbst ein ZWEITES Kind ist – es wird nicht besser, aber anders. Denn das Vergleichen funktioniert eben auch anders herum.

Schon jetzt muss sich das Überflieger-Kind anhören, dass er in seiner frühsten Kindheit kein so charmanter junger Windel-Rocker war, wie sein kleiner Bruder. Und, was das Essverhalten angeht, war er im Vergleich zu dir, der Oma nach, eine absolute Katastrophe! „Und, weißt du noch, was für krasse Schwierigkeiten das Kind-Nummer-Eins damit hatte, aus einem Becher zu trinken, ohne sich von Kopf bis Fuß zu übergießen? Man, stellte der sich doof an! Da ist Kind-Nummer-Zwei um einiges geschickter!“, sage ich zu deinem Vater und merke wieder einmal, wie tief das Vergleichen in uns allen verankert ist. Vollkommen egal, wie genervt wir von diesem Verhalten bei anderen sind. Also versuche ich keine allzu große Welle deswegen zu machen und es irgendwie zu akzeptieren.

Ich hoffe nur, dass ich als deine Mutter es schaffen werde, dir so oft wie es nur geht, das Gefühl zu geben, dass du, mein liebes großartiges zweites Kind, in allem was du bist und in allem, was du tust, wie eine wunderschöne Schneeflocke, absolut einmalig und unvergleichbar bist!

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