Von unerfüllten Erwartungen und unlackierten Nägeln

Es mag merkwürdig erscheinen, doch ich lackiere mir nur dann die Nägel, wenn ich mich wirklich gut fühle. Damit ist nicht etwa die Abwesenheit von Krankheiten gemeint, sondern vielmehr ein spezielles Gefühl – eine innere Zufriedenheit mit mir selbst. Nur wenn ich mich stark, attraktiv, ja begehrenswert fühle, hole ich die Farbfläschchen raus. Die bunten Fingernägel sind für mich dann eine Art von außen sichtbare Erinnerung an ein inneres Zwinkern an mich selbst – „na, du heißes Teil. You rock!“

Und nun kommt’s: In 3 Wochen sind es nun zwei Jahre, seit meine Nägel das letzte Mal, mit einigen wenigen Ausnahmen, auf die ich später eingehen werde, ein Tröpfchen Farbe gesehen haben. Wie es dazu kommt? Nun, als erstes wurde ich schwanger.

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„Ach, was sind die Frauen während der Schwangerschaft schön! Dieses Leuchten! Dieses Strahlen! Das pure Leben eben!“ – so wird’s zumindest behauptet. Und wenn man sich die Hochglanz-Fotos auf Insta anguckt, könnte man es tatsächlich glauben. So viel Anmut, so viel Stärke. Auch bei „realen“ Frauen habe ich diese Anmut und Stärke oft gesehen, doch bei mir selbst? Fehlanzeige. Versteht mich nicht falsch – ich fand meine Kugel wunderschön! Und ich strahlte diese Mami-Aura so sehr aus, dass Außenstehende ne Sonnenbrille brauchten, um nicht geblendet zu werden. Doch wenn ihr mich fragt, ob ich mich genau so stark, attraktiv und anmutig gefühlt habe, wie zu Zeiten, als ich noch nicht in einer überfüllten U-Bahn ohne Vorwarnung, unkontrolliert lautstark rülpsen musste, dann muss ich leider verneinen. Also blieben die Nägel unlackiert.

Unlackiert blieben sie auch, nachdem mein Baby da und mein Schlaf weg waren. Es lässt sich nun mal schlecht pinseln, wenn der Blick immer wieder verschwimmt und die Augen vor Müdigkeit tränen.

Als es dann nach endlosen Monaten mit dem Schlaf etwas besser wurde, ließ ich die Nägel weiterhin farblos, denn nun hatte ich das Gefühl, es mir aufsparen zu müssen. Als eine Art Belohnung für die durchgestandenen eineinhalb Jahre, während denen meine Bedürfnisse und Empfindsamkeiten, im Gegensatz zu mir, ein langes Schläfchen einlegen mussten.

Nun aber würden sie schon bald aufwachen dürfen und dann ist hier aber das volle Programm angesagt! So der Plan. Nicht nur im Beauty-Sinn. Klar würde ich mir erst einmal eine ausgiebige Shopping-Tour gönnen. Schließlich sind meine aktuellsten Klamotten für die Welt außerhalb der Küche und des Kinderzimmers mindestens zwei Jahre alt. Doch auch innerlich stand so manche Wohltat auf meinem Nach-Baby-Jahr-Zettel. Wieder in den Job einsteigen. Kinder regelmäßig bei den Großeltern parken, um mit meinem Mann endlich wieder Paar, statt nur Elternpaar sein zu können. Alte Freunde treffen. Neue kennenlernen. Und wenn ich währen all dieser wundervollen Vorhaben endlich wieder das Gefühl habe, mehr ICH zu sein, dann würde ich sie wieder bunt machen, meine kleine Schaufenster der inneren Zufriedenheit.

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Als die Kitas und Schulen geschlossen wurden, als es hieß, wir sollen alle zuhause bleiben, waren meine Nägel lackiert. Schließlich hatte ich erst vor ein paar Tagen meinen paarunddreißigsten Geburtstag und eine große Sause in Planung. Als die Welt da draußen ins Chaos stürzte, war meine nach langer Zeit erst wieder in Ordnung. Es waren tolle drei Tage.

Vermutlich sollte ich sie wieder im Schrank verstauen, meine Farbfläschchen. Vielleicht gleich zusammen mit meinen, womöglich überhöhten, Erwartungen an mein Leben, denn ich habe das Gefühl, ich werde beides noch eine ganze Weile nicht gebrauchen können.

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