Von Teamplayern und Einzelkämpfern

Teamarbeit gilt in unserer Gesellschaft als die ideale Form der Arbeit. Schon in der Schule wird uns pausenlos eingetrichtert, wie wichtig Teamfähigkeit für unsere berufliche Zukunft sei. In der Uni werden Team-Referate gehalten, Gruppen-Hausarbeiten müssen geschrieben werden. Manche Unis bieten sogar Zusatzkurse an, in denen man seine Kompetenzen in der Arbeit mit Anderen vertiefen, verbessern, optimieren kann und soll. Denn, wer einen Job will, muss „teamfähig“ sein. Es ist sozusagen die Mutter aller beruflichen Qualifikationen.

Was passiert aber, wenn ein über Jahrzehnte auf Teamarbeit „abgerichteter“ Mensch plötzlich Einzelkämpfer sein muss? Nun, ich verrat’s euch …

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Als Erstes kommen einem die vielen Vorteile in den Sinn: Keine Rechenschaft vor einem Teamleiter ablegen müssen, keine endlosen Meetings, keine Besserwisser, die deine Ideen stets im Keim ersticken, keine nervigen Kollegen, die dich die ganze Zeit vollquatschen und von der Arbeit ablenken, keine faulen Kameraden, die sich hinter dem Team verstecken. Und eigentlich hast du es doch schon immer gewusst – Arbeit im Team macht träge und unkreativ. Es ist wie eine langjährige Liebesbeziehung, in der man sich nach und nach gehen lässt. Du verlässt dich auf den Partner – also auf die Kollegen – und lässt dich treiben. In so manchem Meeting denkst du dir dann: „Ideen dazu habe ich gerade zwar keine, aber schließlich sind wir ein Team, irgendjemand wird schon eine Idee haben“. Und so wird man jeden Tag ein Stückchen leidenschaftsloser … Das ist der Fluch der Teamplayer. Gut, dass ich nun ein Einzelkämpfer bin.

„Jetzt kann ich so richtig loslegen“, sagst du zu dir. Meine Ideen umsetzen, selbst Entscheidungen treffen, selbst Prioritäten setzten – alles neu, alles besser machen! Niemand bremst mich aus, niemand lenkt mich ab … Und schließlich hast du es schon immer gewusst – wenn du willst, dass etwas gut erledigt wird, musst du es selbst tun!

Und am Anfang stimmt das auch. Der Kopf ist voll mit neuen, glänzenden Ideen, man hat irre viel vor, man kniet sich richtig rein. Denn – für alle Ziele, die erreicht oder nicht erreicht, alle Aufgaben, die erledigt oder nicht erledigt, alle E-Mails, die beantwortet oder nicht beantwortet wurden – kurz, für alle Erfolge und Misserfolge, bist nur du selbst verantwortlich. Und das ist der Fluch der Einzelkämpfer.

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Keiner kann dir einen Tipp geben, wenn du nicht weiterweißt. Keiner greift dir unter die Arme, wenn du durchhängst. Keiner korrigiert dich, wenn du danebenliegst. Keiner steuert Ideen bei, wenn dein Kopf gerade leer ist. Und das Schlimmste – kein „nerviger“ Kollege lenkt dich von der Arbeit ab, wenn du es eigentlich dringend nötig hättest. Schade, dass ich kein Teamplayer mehr bin.

Die einzige Stimme, die mit dir über deine Arbeit diskutiert, ist die Stimme in deinem Kopf. Und die ist meistens so viel kritischer, als jeder Teamleiter. Und so nörgelt die Stimme – Tag für Tag, ohne Unterbrechung, ohne Punkt und Komma. Mit nichts ist sie zufrieden, nichts kann man ihr recht machen, nichts ist genug. Denn schließlich weiß sie ja – du alleine bist verantwortlich. Also gib dir gefälligst mehr Mühe, verlangt die Stimme. Wenn du es nämlich nicht gut machst, wissen gleich alle, dass DU es nicht gut gemacht hast. Also streng dich an!

Und du strengst dich an und machst es gut, und dann … Ist niemand da, um dich dafür zu loben. Niemand sagt dir, dass deine Idee großartig war. Niemand klopft dir auf die Schulter, weil du es geschafft hast, eine knifflige Aufgabe sogar vor dem Ablauf der Frist zu erledigen. Niemand beglückwünscht dich zu deinen Erfolgen. Als Einzelkämpfer musst du also auch diese Aufgabe selbst übernehmen.

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Du musst lernen, dich selbst zu loben. Und vielleicht schaffst du es sogar, der Stimme in deinem Kopf beizubringen, so mit dir umzugehen, wie ein Teamplayer es tun würde: mit Respekt, Hilfsbereitschaft und Nachsicht. Und dann stehen die Chancen gar nicht so schlecht, dass du selbst zu deinem besten Kollegen wirst.

Und sollte sich doch einmal die Einsamkeit einschleichen … dann lass dich von dir selbst ablenken und lad dich auf einen Kaffee ein. Die Chancen stehen gut, dass du dabei auf andere Einzelkämpfer triffst.

Geschrieben im Jahr 2017

Nachdem die Autorin jahrelang für diverse Online-Plattformen, stets als Teil eines großen Teams, gearbeitet hat, übernahm sie im Jahr 2016 das Projekt des Stadtteilzentrums Steglitz „Die StadtrandNachrichten“, in dem sie sich bis ihrer Schwangerschaft Nummer 2 als Einzelkämpferin verwirklichen durfte. Inzwischen ist die Autorin wieder Teil eines kleinen Teams.

1 thought on “Von Teamplayern und Einzelkämpfern

  1. Elena, ich habe am Beginn meiner Arbeitslosigkeit, das muss so um 2004 herum gewesen sein, kurz mal in dem Kindergarten des Stadtteilzentrums auf dem Hindenburgdamm freiwillig gearbeitet – ich wollte ausländischen Kindern helfen, Deutsch zu lernen – aber leider klappte das alles nicht so gut. Vielleicht deswegen, weil „Löwen“ starke Einzelplayer sind.
    Und tschüss!

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