Von Besprechungen beim Kochen und Videokonferenzen aus dem Pappkarton

„Mama, darf ich noch eine Folge gucken?“ – schreit der Fünfjährige in ohrenbetäubender Lautstärke durch das Wohnzimmer. Kein Wunder, hat er die Frage doch bereits 5-6 Mal an mich gerichtet gestellt, ohne eine Reaktion zu bekommen. Wie hätte er denn auch sehen sollen, dass ich gerade mit Kopfhörern in den Ohren telefoniere, während ich parallel das Mittagessen koche? „Jaaaa, darfst du“, zische ich schnell zurück, und denke unwillkürlich: „Hauptsache du nervst mich nicht und lässt mich mein Telefonat in Ruhe zu Ende bringen.“ Warum hat dieses Kind denn nach so vielen endlosen Wochen noch immer nicht begriffen, dass ich, obwohl die ganze Zeit zuhause hockend, trotzdem arbeiten muss?! Weiß er denn noch immer nicht, dass das jetzt das neue „normal“ ist?

Doch wie soll er auch? Für ihn funktioniert die Welt noch immer nach einem einfachen Prinzip: Wenn man zuhause ist, dann hat man frei und soll sich gefälligst um seine Kinder kümmern! Recht hat er. Oder, treffender ausgedrückt, HATTE er. Also früher. Vor Corona. Denn da war es ganz klar abgrenzbar: Arbeit war auf Arbeit und Zuhause war Freizeit. Doch seit Mitte März gelten hier neue Regeln. Oder vielmehr keine klaren Regeln. Jetzt ist Arbeit nämlich überall. Und auch irgendwie jederzeit. Telefonkonferenz beim Kochen? Klaro! Telefonate im Schlafzimmer? Natürlich, da kann ich wenigstens kurz die Tür zu machen! Texten auf der Couch? Auf jeden Fall! Schließlich habe ich von hier aus die Kinder besser im Blick. E-Mails beantworten auf dem Klo? Was denkt ihr denn?! Wann soll ich denn sonst die Zeit dafür finden?

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Doch nicht nur für uns Erwachsene hat sich das Zuhause in einen All-Inclusive-Ort verwandelt. Auch unsere Kinder definieren und entdecken es nun neu. Was bleibt ihnen denn auch anders übrig? Und so wird das Wohnzimmer mal zum Fußballplatz und mal zur Rennstrecke für Leichtathleten umfunktioniert. Das Hochbett wird zu einem Klettergerüst, die Couch zu einem Trampolin und das Waschbecken und die Badewanne zu einem Wasserspielplatz. Es ist also auch kein Wunder, dass das große Kind sich in letzter Zeit immer häufiger mit meinem Tablet in sein Pappkarton-Häuschen verzieht, um mit seiner Großmutter zu zoomen. Vorlese- und Zeige-Stunde nennt er das. Und er scheint es so richtig zu genießen. Denn schließlich kann er sich so, wenigstens für kurze Zeit, von seinen allgegenwärtigen, immer gestressten Mitbewohnern verstecken.

Nur dem kleinen Windelträger scheint unsere neue Situation nicht viel auszumachen. Warum denn auch? Hat er doch nach einer vierwöchigen Eingewöhnung gerade einmal zwei volle Tage in der Kita verbringen dürfen, bevor der Lockdown kam. Jetzt ist für ihn alles wie immer: Er und seine Mama sind wieder zuhause. Nur manchmal beäugt er etwas kritisch die anderen „Kollegen“ hier. Als würde er sich wundern und auch etwas darüber ärgern, dass nun auch sie die ganze Zeit zuhause hocken und unverschämterweise „seine“ Mama in Anspruch nehmen. Ansonsten nimmt er die ganze Krise doch recht gelassen. Beneidenswert, der Glückliche.

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Für uns andere ist diese Zeit keine so leichte. Für uns ist das eine Zeit, in der wir uns so nah sind, wie noch nie zuvor im Leben. Manchmal ist es unbeschreiblich schön. Oder könnte man etwas Anderes als Dankbarkeit empfinden, wenn man nach einem gemeinsamen Mittagessen mitten in der Woche, zu viert eine, wie das große Kind sagt, „ruhige Pause“, auf der Couch mit schmusen und lachen verbringen darf? Doch manchmal ist es auch so unbeschreiblich kräfteraubend. Oder könnte man etwas Anderes als Überforderung empfinden, wenn man alleine für das Durchlesen einer mittellangen E-Mail über 20 Minuten braucht, weil man ununterbrochen unterbrochen wird? Und zwar von Kindergeschrei und eindringlichen Forderungen nach Aufmerksamkeit, nach gemeinsamen Spielen, nach etwas zu essen, oder nach einer frischen Windel.

Hier prallt gerade alles aufeinander, ohne eine Möglichkeit zur Flucht. Es ist immer alles, immer an einem Ort. Als wären wir mit diesem Ort verwachsen. Als wären wir selbst ein Teil davon geworden – die fünfte Wand in den eigenen vier Wänden.

Seit der Corona-Krise ist unser Zuhause so viel mehr als ein gewöhnliches Zuhause. Es ist Besprechungsraum und Büro, es ist Bastelwerkstatt und Abenteuerspielplatz. Es ist Restaurant und Kinosaal. Es ist Sportstudio und Wellnessoase. Es ist Disco und Kneipe. Und ganz oft ist es der Treffpunkt einer Selbsthilfegruppe für überforderte Eltern.

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Eine kleine Erklärung am Rande: Dieser Text trägt zwar den aktuellen Zeitstempel, handelt jedoch von der Zeit vor circa 4 Wochen. Denn anders als sehr sehr viele andere Corona-Eltern, denen ich an dieser Stelle mein tiefstes Mitgefühl aussprechen möchte, habe ich das große Glück, meine Kinder seit Anfang Mai wieder regelmäßig in die Kita geben zu können. Das sollte erklären, warum ich überhaupt Zeit habe, so etwas zu schreiben.

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